Wie wird „Kony 2012“ in Afrika bewertet?

Ein neuer Zelte-Block in Kakuma wird erreichtet

Ein sehr wichtiger Aspekt der Kampagne „Kony 2012“ ist in meiner Sicht, was man in Afrika selbst darüber denkt. Ich habe versucht, die Meinung mir persönlich Bekannter in Afrika zu erfahren: Jesuiten, Nicht-Jesuiten, Freiwillige, Afrikaner oder Europäer.

Summarisch fließt deren Meinung ein in die Diskussion von Einwand 9 („Die Afrikaner sind doch selbst gegen das Video“) meines Papiers „Kony 2012: Einwände und Gegeneinwände“.

Einige der Partner wollen nicht mit Namen genannt werden, das ich respektiere ich. Die Auflistung ist chronologisch in der Reihenfolge des Eingangs.

7.5. E.M., Jesuit aus dem Kongo, mahnt, neben Kony nicht die vielen anderen Warlords zu übersehen:

As an African Jesuit, I have heard about Kony since I was 12 years old. Kony was certainly not “famous" then, but most people my age were aware of his existence and his awful actions. The succes of the Kony 2012 video cannot be underestimated and it is unfair to highlight only the shortcomings of the the Inivisble Children organization and its initiatives. Making Kony „famous“ and bring him to justice by the end of this year has mobilized a lot of people and some decision makers have felt the need to act. Actions against Kony have been on going since 30 years, without the benefit of a huge Internet publicity. However: While we applaud the Kony 2012 campaign, we should be very careful not to accustom our leaders to act only on famous cases. They are elected to do their homework and act whenever justice is denied. Most cases in the world will never and can never attract attention. But it is expected that those leaders who know about them will act promptly. There are so many invisible cases that we can't possibly make visible. The better if we can. However, public demand can sometimes orient resources and attention to cases that are just „popular“ but not necessarily „priority.“ With or without publicity, we expect our leaders to act diligently on cases they know about. We touch here to the morality of political and public action: service for justice without seeking reward."

18.4. Christian Braunigger, der gegenwärtig im Flüchtlingslager Kakuma an im Grenzgebiet zwischen Kenia und Sudan arbeitet, schreibt in seinem Blog einen Artikel mit dem Thema: „Lebensgeschichten – oder – die ständige Angst vor Kony und seiner LRA“

10.4. Der Provinzial der Ostafrikanischen Jesuitenprovinz, zu dessen Bereich auch Uganda und der Sudan gehören, P. Agbonkhianmeghe Orobator SJ, unterstützt „Kony 2012“, er mahnt aber auch, den Kontext nicht zu vergessen:

 „Wir alle sind uns einig, dass Joseph Kony verhaftet werden muss, aber er ist nur ein Teil der noch viel größeren regionalen Probleme. Meine Hauptsorge ist, dass der Kontext und die akuten Nöte der Menschen berücksichtigt werden. Die Region ist tief traumatisiert durch lange Jahre der Gewalttätigkeit, aber auch von Vernachlässigung, Korruption und Verelendung, die nicht direkt mit Kony und seiner LRA zusammenhängen. Erforderlich sind bessere governance, Respekt der Rechte aller Menschen sowie eine Verbesserung der Lebensbedingungen. Mehr Waffen und Munition werden die lokalen Probleme nicht lösen, vielmehr muss ein Dialog auf Augenhöhe mit den vernachlässigten und unterdrückten Menschen der Region in Gang gesetzt werden.“

29.3. Ein Jesuit aus dem Sudan berichtet über die vielen Jahren, in denen er unter Kony zu leiden hat. Es wird deutlich, welch ein zwielichtiges Spiel auch die Regierungen des Sudans und Ugandas spielten:

„I was told by your friend XY that you would like to know something about this evil man Joseph Kony who is a terrible sadist. He started way back in Gulu, his home county of Uganda and he is an Acholi by tribe. He started his guerrila warfare supposedly to fight for his Acholi country people against President Museveni, a Dictator, who truly emarginated the Acholi. The people didn't seem to have supported him and he started using violence first against his own people, capturing their boys to turn them into soldiers and girls to make them his sex-slaves. He really harassed his people so that many had to flee into Gulu town for protection. I saw this myself when I visited about ten years ago or more. Then he was hired by President Bashir of Khartoum to enter Sudan and harass the countryside on the eastern side of the Nile near Juba where I was at the time in the late eighties. And he kept moving coming even to south west of South Sudan to harass the Zande people. Now he is continuing harassing people somewhere in north-western Congo and the Central African Republic. It seems that he can't be captured even though less than a year ago the USA sent some marines to join in Kony's hunt. It seems there is not much will to catch him. And he needs to either be caught or killed as he is a continual nightmare to the people wherever he approaches. Museveni himself isn't really doing anything to get rid of that pest. It's a pity that a human being like everybody else has become so destructive of human life. Well, this is more or less what I can tell you about him. I hope the campaign will succeed at least in nabbing him. Bye and God bless!“

30.3. Eine Benediktinernonne aus Norduganda schreibt zu den laufenden Bemühungen, Kony zu verhaften: „We are tired of his misconduct and massacres of innocent civilians. Let the shepherd be struck and the sheep will get scattered so that peace can prevail. Countries hosting him and letting him do notorious acts are at fault too. Why host a murderer and a confuser? Day and night we pray for peace in our world and the end of violence.“

26.3. Georg Döhn arbeitet als Jesuit Volunteer am OCER Campion College in Gulu, Uganda. Er schreibt, dass Kony 2012 für Uganda insofern irrelevant ist, dass Kony und die LRA seit langem aus Uganda vertrieben sind, dass aber der Norden, vor allem die Acholi Gebiete, aus denen sich die LRA rekrutierten, bis heute vernachlässigt sind, da Gelder eher in das Militär flossen als in Hilfsprojekte. Ein großes Problem ist beispielsweise die 'Nodding Disease', die vor allem Kinder befällt, Hirnzellen tötet und Menschen geistig zurückbleiben lässt. Georg wörtlich:

„Hier engagiert sich die Regierung leider nicht um dem Problem ein Ende zu schaffen. Aber für Militärjets und zur Machtdemonstration Musevenis ist ja Geld da. Ich bin davon überzeugt, dass das Grauen Konys beendet werden sollte und dass es gut ist, die Verbrechen der LRA weltweit zu verbreiten. Doch habe ich so meine Zweifel, ob dieses Movement wirklich die nötigen Steine ins Rollen bringt, die nötig sind, um die LRA bzw. Kony dingfest zu machen. Auch sehe ich noch keine wirkliche praktische Lösung, die Idee in die Tat umzusetzen. Ich hinterfrage ernsthaft, ob die (im Video) interviewten Politiker sich wirklich für das Ende der LRA einsetzen oder sich nur eben profilieren wollen.“

Weitere Infos von Georg zu Gulu und die Situation in Nord-Uganda in seinem Blog.

25.3. Allen O. aus Nairobi empfahl einen Artikel, der im Online-Angebot der Business Daily erschien, und zwar „Stop bitching about Kony 2012 – we live in Mc World“ vom 24.3.2012. Dieser Beitrag setzt sich mit der afrikanischen Kritik an „Kony 2012“ auseinander, hinterfragt aber auch diese Kritik. Die Schlussfolgerung lautet: „If you think a story has been told wrongly, then tell it the way you think it should be told. … Here's a better question: Why did an African not start the Kony 2012 campaign?“ Der Artikel endet mit der Aufforderung „Just do it!“

21.3. Gunnar Bauer SJ arbeitet beim Jesuiten-Flüchtlingsdienst in Lobone, Süd Sudan. Er schreibt:

„Das Video habe ich mir noch in Kakuma angeschaut ... Ich finde, wie Du auch, die Aktion bei aller berechtigten Kritik gut und kann nur hoffen, dass sie zum Erfolg führt. In Lobone wurden mir einige der unglaublichen Grausamkeiten erzählt, die Kony und seine Leute verübt haben und verüben, da ist mir echt schlecht geworden … Es stimmt das der Schaden groß wäre, wenn er nicht verhaftet werden könnte und die Amis unverrichteter Dinge wieder abziehen. Dann sind alle ratloser als zuvor, Kony lacht sich ins Fäustchen und die Afrikaner geben vielleicht auf. Andererseits ist der öffentliche Druck sicher gut um die Amis, die Ugander und Andere weitermachen zu lassen, bis sie ihn haben.“

19.3. Aus der Zentralafrikanischen Republik schreibt P. Toni Kurmann SJ:

„Diesen Video hier anschauen zu können... dafür bräuchte es eine entsprechende Internet-Verbindung... Mit anderen Worten: Zugang zu Information ist alles andere als selbstverständlich. … In der Zentralafrikanischen Republik ist Kony ein Phänomen unter vielen. Tendenziell sind wir alle eingedeckt mit all unseren alltäglichen Herausforderungen. … Obwohl das Anliegen ohne Zweifel berechtigt ist und globale Aufmerksamkeit nötig hat: die Art und Weise wie es angegangen wird, erscheint mir als “westliche Nabelschau" – nach dem Motto: Dort in Afrika gibt es einen bösen Mann, der viele Kinder als Soldaten missbraucht. Und wir erleben uns ohnmächtig können nichts tun... selbst unser Geld und unsere Medienarbeit sind da nur Tropfen auf dem heißen Stein. Deshalb sprechen wir lieber darüber, wie oft der Film auf YouTube aufgerufen wurde, ob er ethisch verantwortbar produziert wurde, wieviel Prozent die Organisation wirklich dem Projekt zukommen lässt, weshalb der Produzent einen Nervenzusammenbruch erlitten hat... So bleibt mir die Frage: welchen Effekt hat die Aktion für die Kindersoldaten von Kony...? In all meiner kritischen Haltung schliesse ich nicht aus, dass die Aktion sich bis zum Schluss positiv auswirkt."

Siehe hierzu auch den Eintrag vom Ida Sawyer bei der Rückmeldung von Rigobert Minani am 15.3.

16.3. Aus dem Flüchtlingslager Kakuma, in dem auch durch Joseph Kony Vertriebene leben, schreibt Christian Braunigger SJ, der dort beim Jesuiten Flüchtlingsdienst arbeitet:

„Lieber Joerg, ich hatte am Vormittag die Moeglichkeit das Video anzuschauen und Deine Gegenargumente zu lesen. Das Video finde ich gut und die Aktion scheint unterstuetzenswert. M.E. kann man nicht dagegen sein. Deine Argumente gegen Kritiker sind sehr gut. Spontan faellt mir nichts verbesserungswuerdiges auf. Ich werde mich im Internet noch ein wenig schlau machen zu diesen Themen. Christian“

15.3. P. Rigobert Minani SJ, ein Jesuit aus der DR Kongo und dort langjähriger Koordinator von Menschenrechtsnetzwerken schreibt per Mail: 

„I know about this campaign. I have seen also the YouTube Video and I have been following all the discussion on AlJazeera etc... My opinion: I hope that this campaing will help to put the effort together and find Kony before the end of this Year. If it faills then in my view the damage will be greater.“(Zum Verständnis des letzten Satzes siehe Peter de Waals)

Minani teilte zudem einen Blogeintrag von Ida Sawyer, die gerade Forschung in LRA Gebieten durchführt und als Anwältin für Human Rights arbeitet. Sie schreibt „Most people in areas affected by the LRA today don’t have access to YouTube or Twitter. But I am confident that many of the survivors I’ve interviewed would be encouraged to hear that the world is waking up to Kony’s brutality, and that large numbers of people want to do something to end the LRA’s atrocities.“

14.3. E.N., der aus seiner Studienzeit in Nairobi viele Freunde in Uganda hat, befragte dort lebende Freunde per Skype. Er hat Angst, dass Kony durch diese Kampagne nur noch grausamere Taten verbringen wird, wie er es bei früheren Versuchen, ihn zu diskreditieren und zu fassen, der Fall war. Er schreibt: 

„Just two days ago I was just discussing with a friend from Uganda the terrible things Kony did after watching the movie called the Machine Gun Preacher.“

13.3. Wie wichtig es ist, eigene, vertrauenswürdige Quellen vor Ort um Informationen zu bitten, zeigen Zitate von Norbert Mao, dem Präsident der ugandischen Democratic Party: Während die renommierte Zeitschrift „Foreign Affairs“ am 13.3.2012 Norbert Mao als Gegner von „Kony 2012“ damit zitiert, das Video sei verharmlosend und würde die Grausamkeiten der LRA nicht deutlich genug wiedergeben, erscheint ebenfalls am 13.3.2012 ein Video desselben Norbert Mao im Internet, in dem dieser das Video als „a good development“ bezeichnet und viel Lob spendet.